Tunesien; Dahar-Gebirge

Berge mit kurvigen Strassen wollte ich fahren, abgeschiedene Dörfer, die an den Felshängen kleben, finden und burgartige Wohnsiedlungen, Ksar genannt, besuchen. Das alles gibt’s in den Dahar-Bergen im südlichen Tunesien. Leicht legt sich das Motorrad in die Kurven, schraubt sich höher an die Ostseite der kargen Bergkette bis ich hinunter ans Meer sehen kann. Dort unten hinter dem Dunstschleier liegt die Insel Djerba. In der Hochsaison nähern sich von dort Busse, wie Raupen die über den Salat herfallen, spucken Hunderte von Pauschaltouristen in kleinen Dörfern aus. Heute bin ich fast alleine unterwegs. Und das ist gut so. Längere Streckenabschnitte sind mit Kies belegt, auf dem ich dahin schlittere, den aufwirbelnden Staub und Steine der anderen Verkehrsteilnehmer aus dem Weg zu fahren versuche.
Die Zufahrt zu einem Ksar über eine steile unbefestigte Piste hätte ich fast sein lassen, fasste dann doch etwas Mut und fand ein Juwel einer Wohnburg. Wie kleine doppelstöckige Reihenhäuschen schmiegen sie sich eng aneinander, die Rückwand an steiler Felswand gedrängt. Sogar der zerfallene Teil des Ksar hat seinen Reiz, doch ein grosser Teil wurde wieder aufgebaut und zum Hotel umfunktioniert.
Ein Glas Tee stärkt vor der holprigen Weiterfahrt nach Guermassa. Froh meine Beine vertreten zu können, erklimme ich den steilen Weg zu verlassenen Bergdorf hoch. Die Bewohner verliessen ihre Höhlen zugunsten neuer Häuser im Tal. Die Eingänge der Höhlenwohnungen wurden mit Steinmauern umfriedet, worin die Tiere gehalten wurden. Viele Artefakte, wie grosse Tonkrüge, Eisenbeschläge, Mahlsteine, liegen noch herum.
Eine Abkürzung über eine Schotterpiste nach Chenini birgt eine kleine Überraschung in Form eines tiefsandigen Flussbettes. Die Piste an und für schon strapazierte nicht nur die Maschine sondern auch meine Nerven. Und nun diese Passage mit einer abschliessenden Sandverwehung. Immer auf dem Gas bleiben, war vor einigen Tagen Helmuts Tipp, und den beherzigte ich …und kam durch, bzw. drüber.
Chenini war’s aber auch Wert. Die tiefstehende Sonne leuchtete die an die Felsen gebauten Lehmhäuser an und gab ihnen einen märchenhaften Anstrich. Ein herrliches Bild um einen weiteren Reisetag zu beenden.

 

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Tunesien; Die Höhlenwohnungen in Matmata

Eigentlich nur ein staubiges Kaff eingepresst zwischen Sahara und Dahargebirge. Viel zu sehen gibt’s hier nicht. Grosse, kraterähnliche Löcher im Boden weisen aber auf die Besonderheit dieser Region hin. Traditionelle Häuser sind in Boden gebaut. Einen grossen Schacht bildet der Innenhof, von wo aus sternförmig die Schlaf- und Aufenthaltsräume in den lehmigen Boden getrieben werden. Darin ist es im Sommer angenehm kühl und im Winter heimelig warm. Ich begnügte mich nicht nur mit einem Spaziergang durchs Dorf, sondern wollte auch in einer solchen Höhlenwohnung übernachten. Nicht nur eine simple Höhle soll es sein. Eine der Höhlenhotels hielt als Filmkulisse für „Star Wars“-Filme her. Da wollte ich die Nacht verbringen. Der Glanz der Filmtage verblich zwar, die Duschen waren verdreckt und funktionierten nicht, die Klos waren undicht und Abwasser rann quer über den Boden. Immerhin waren die Betten in den Zimmer annehmbar, wenn auch nur mit eigenem Bettzeug, bzw. Schlafsack. Ein Teil des Hotel liessen mich aber wieder in andere Planeten versetzen. So speiste ich vor einem intergalaktischem Tor …dessen Zugangscode mir leider nicht bekannt war.

 

Die wüste Tour zum anderen Planeten

Plötzlich standen sie da. Wie rangebeamt. Die zwei Landrover Defender mit ihren Fahrern Helmut und Thomas. Einige Biere am Abend und schon war es besiegelt. Ich folgte ihnen nächstentags in die Öde mit der Varadero. Mein gesamtes Gepäck wurde in Thomas Wagen geladen um meine Maschine leichter zu machen. Das Rütteln auf der Wellblechpiste war trotzdem fast nicht auszuhalten. Verkrampft hielt ich mich am Lenker fest, jede Sekunde mit Kontrollverlust rechnend. Ich starrte beschwörend auf die  Piste, hoffte der Untergrund bleibe hart und befahrbar. Doch Kies und Sand verwandelten den Boden unter den Rädern zu einer schwammig unberechenbaren Masse. Immer auf dem Gas bleiben, so wie Helmut mir riet, damit ich die Spur halten konnte. Leicht gesagt, dachte ich mir während es mich durch Mark und Bein schüttelte. Passiert ist es dann im Tiefsand, beim Versuch eine kleine  Düne zu erklimmen. Zu zögerlich am Gashahn gedreht und schon kippte das schwere Motorrad auf die Seite, begrub meinen Fuss darunter. Zum Glück war Thomas schnell zur Stelle und befreite mich aus der misslichen Lage. Von nun an überliess ich das Sandspielen den Landy-Fahrer. Mir tropfte der Schweiss schon aus jeder GoreTex-Pore.

Die versteinerten Dünen und kristallenen Wüstenrosen schienen es anzukünden. Das intergalaktische Dorf wurde nicht für Menschen gebaut, sondern wurde von Bürger anderen Sternen bewohnt. Runde Formen und sand- bis ockerfarbener Anstrich gaukelten normale Behausungen vor, wären da nicht gebogene Rohren aus dem Erdinneren, seltsame Installationen neben den Eingängen und technische Vorrichtungen auf den Plätzen gewesen. Meine metallische Maschine landete offensichtlich am richtigen Platz, gab sogar Grund für technisches Fachsimpeln und offene Bewunderung seitens einiger Erdlinge mit breitkrempigen Kopfbedeckungen. Nähere Betrachtung der Häuser brachten dann aber viel Maschendraht und Pappmaché hervor. Wir waren am Drehort der „Star Wars“-Filme angekommen!

Für die Rückfahrt tat sich ein unerwartet einfacher, weil neu asphaltierter, Weg auf. In gefühlter Lichtgeschwindigkeit düsten wir an Oasen vorbei und glitten sachte über den grossen Salzsee Chott El Jerid, wo uns eine kurze Rast auf das Ende des Tages einstimmte.

 

 

Tunesien; Tozeur

Das verängstigte Blöken des Schafes ist verschwunden. Stattdessen steigt mir ein durchdringender Grillduft in die Nase. Fettiges Fleisch des geschächteten Schafes brutzelt auf dem Rost im Hinterhof des Patrons. Neben dem einfachen Grill liegen noch die weissen Beine des Lammes, die Hufe zu mir gerichtet. Das islamische Opferfest ist im Gange. Einige schwere Tropfen fallen wie Tränen vom Himmel, versiegen aber bald wieder. Gedämpftes Licht dringt durch die graue Wolkendecke und legt die ohnehin leeren Strassen lahm. Alle Geschäfte haben geschlossen, gefeiert wird in den Häusern unter Familie und Freunden. Nur in dem Kaffeehaus neben meiner Unterkunft ist reges Leben auszumachen. Junge und alte Männer strömen herbei, nehmen auf den Plastikstühlen Platz. Zu westlicher Musik, die vom grossen LCD-Bildschirm flimmert, wird Kaffee geschlürft, Wasserpfeife gepafft und Neuigkeiten ausgetauscht. Die Frauen und Mädchen sind zu Hause und bereiten das Festmahl zu oder spazieren in kleinen Gruppen durch die Strassen. Gemütlichkeit ist angesagt.

 

Tunesien: Angekommen!

Jetzt sehe ich es auch, dachte ich mir heute, als ich weiter Richtung Süden fuhr. Das besondere Licht und die Farben Tunesiens, wovon der Maler Paul Klee und seine Kollegen August Macke und Luis Moilliet, während ihrer Tunesienreise 1914 schwärmten. Die drei liessen sich davon für ihre weitere Werke inspirieren. Das Licht Tunesiens will ich ebenfalls einfangen. Mit meiner Kamera. Doch dazu kam ich noch gar nicht. Zu sehr zog es mich weiter nach Süden. Halten zum Fotografieren lag da gar nicht drin. Ganz zu schweigen vom mörderischen Strassenverkehr, der meine ganze Aufmerksamkeit abverlangt. Wenn nicht versteckte Schwellen oder Schlaglöcher die Fahrbahn unsicher machen, dann überholt sicher ein entgegenkommendes Fahrzeug ohne Rücksicht auf Gegenverkehr. So entging ich mehrmals um nur wenigen Zentimeter einem sicheren Flug über die bewundernswerte Landschaft.
Rechts von mir liegen die Tebessa-Berge, die die Grenze zu Algerien bilden. Vor mir breitet sich flaches, karges Land aus. Ein pastellfarbenes, helles Licht lässt den Horizont wachsen und zieht mich immer weiter hinein in das gesuchte Tunesien. Weniger Orte säumen die Strasse in die Wüste. Neben der Strasse sitzen junge und alte Männer bei Kaffee und Wasserpfeife und beobachten die Durchreisenden. Manchmal geselle ich mich dazu. Sofort wird mein Motorrad umringt und ich mit Fragen beworfen. Wieviel Kubik? Wie schnell geht sie? Wieviele Gänge? Und die wichtigste aller Fragen: Was kostet sie?
Vor Tozeur, das Tor zur Wüste, wird die Strecke eintönig und lässt nochmals in Gedanken die Bilder der letzten Tage hochkommen. Vor allem der Besuch der Ausgrabungsstätte Bulla Regia hat es mir angetan. Die baumeisterliche Leistung der alten Römer liessen mich staunen. Um der sommerlichen Hitze zu entkommen, gruben sie für herrschaftliche Villen ein weiteres Stockwerk in den Boden hinab und schmückten die Räume mit herrlichen Mosaiken. Aber seht selbst:

Tunesien: römische Ruinenstadt ‚Douggha‘

Nächtlicher Regen trommelt auf mein Zeltdach und liess mich nochmals zweifeln, ob es wirklich eine gute Idee war das Zelt vor dem Hotel aufzuschlagen. Doch die Erinnerung an die gezeigten Hotelzimmer, mit den ungemachten Betten, der zerquetschten Kakerlaken und dem nassen, mit glibberigem. braunem Zeug übersähtem Boden in der Dusche, liess die Zweifel verschwinden. Tatsächlich lachte am Morgen die Sonne. Ein Besuch der altrömischen Ruinenstadt stand nichts im Wege. Einige Bauten waren erhalten geblieben oder wieder restauriert, so dass die zweieinhalb Stunden Besichtigung im Nu verging. Aber macht euch selbst ein Bild(er):BildBildBildBildBildBildBildBild

Überfahrt!

Die neuste, modernste und schnellste Fähre zwischen Genua und Tunis wurde mir versprochen. Alles gut und recht, wenn da nur nicht die fast fünfstündige Verspätung gewesen wäre. So verbrachte ich genau soviel Zeit auf der Fähre wie bei anderen Gesellschaften auch. Meinen gebuchten Sessel durfte ich frei auswählen, sofern ich willig war über das Gepäck und am Boden schlafenden Menschen zu steigen, um an freie Plätze zu gelangen. Da hatten es die Pauschal-Abenteurer mit ihren von den Offroadtour-Führer gebuchten Zimmer schon besser. Aber die versammelten sich sowieso erst mal lieber an Deck und stiessen auf einen gelungenen Tourstart an, während ihre Pässe und Fahrzeugpapiere von den Organisatoren abgestempelt wurden. Meine Wenigkeit teilte das Vergnügen mit den Hunderten von Tunesiern, die für die bevorstehenden Feiertage nach Hause reisen, am Zollschalter auf dem Schiff anzustehen. Irgendwann nach Mitternacht hatte ich auch den Stempel im Pass und suchte einenPlatz um zu dösen, was gleich neben der Toilette etwas schwierig war. Im Halbschlaf dachte ich so für mich:Ich bin wieder unterwegs…